Ferientour in Livigno

Dieses Jahr begann die RVW-Tour schon am Donnerstagabend mit dem Verlad der Velos in den Anhänger von Roger Kopfs Reisecar. So ging es am Freitag um 17.30 Uhr pünktlich los. Weil um 22.00 Uhr die Grenze am Forcola di Livigno geschlossen wird, muss Roger ein bisschen auf die Tube drücken. Sicher und zur rechten Zeit erreichen wir unser Hotel in Livigno. Als alle Fahrräder im Skiraum verstaut waren, reichte es für die meisten noch für einen Schlummertrunk. Morgen konnte also unser „ mini – Giro“ losgehen. Flavio, unser Touren-Chef, hat für uns einiges ausgeheckt. Das Streckenprofil verspricht auf jeden Fall happig zu werden.

Samstagmorgen: Nach einem reichhaltigem Frühstück wird in vier verschiedenen Stärkeklassen losgefahren. Als erstes steht der 2760 m hohe Passo Stelvio auf dem Programm. Zuerst ist es einmal saukalt. Ich habe fast den ganzen Kleiderschrank angezogen. Erst im Aufstieg zum Ofenpass spüre ich langsam Wärme in mir. Schon rauschen wir hinunter nach St. Maria zum Zoll nach Italien. In der Abfahrt wird es dann plötzlich heiss. Zuerst ein Geräusch an meinem Velo – Blick hinunter auf die Kränze, Blick zurück auf die Strasse!!! Schei.s....e!!! 60 km/h – schnell und eine Linkskurve vom feinsten. Jetzt aber voll in die Eisen, die Ideallinie wäre dort wo meine Kollegen aus meinem Blickwinkel verschwinden. Endlich lasse ich die Bremsen wieder los und kann so relativ sanft in die Botanik steuern. Mit viel Glück komme ich ohne Sturz auf die Strasse zurück. Ufff.... jetzt bin aber hellwach und warm habe ich auch. Unten im Tal ist es angenehm warm. Schnell sind die Wintersachen verstaut. Hallo Stelvio der RVW kommt! Alle schaffen den langen Aufstieg über Trafoi relativ gut. Peter, einer unserer Gastfahrer, musste aber irgendeinmal einsehen, dass ein fast 3000 m hoher Berg, als ersten Pass mit dem Velo zu befahren, schon einiges an Training braucht. Kurz entschlossen stoppt er einen Autofahrer, der ihn zur Passhöhe bringt. Seine wartenden Kameraden staunten nicht schlecht, als Peter schon bald locker und frisch im Restaurant erscheint. In der Abfahrt nach Bormio sorgt dann Fredy Leuenberger für erhöhten Pulsschlag. Live konnte ich zuschauen, was passiert, wenn ein voller Bidon ins Hinterrad gerät. Er fliegt ziemlich hoch und weit!!! Auf Augenhöhe und wie ein Geschoss knallt er vor mir auf die Strasse zurück. Fredel kann gekonnt einen üblen Sturz vermeiden. Das Hinterrad aber ist im Eimer. Willi unseren Tour – Mech, kann es soweit richten, dass Fredy die ganze Tagestour fertig fahren kann. Im Hotel speicht ihm Willi sogar eine neue Felge ein.

Sonntagmorgen: Heute geht es über den berühmten Passo Gavia, für mich und einige Andere zum erstenmal. Es ist etwas wärmer. Zuerst konnte die lange Abfahrt nach Tirano genossen werden. Nach einem Halt in Edolo begann der Aufstieg zum Passo Gavia. Bis zur ersten 16%- Tafel ging es wirklich flott bergauf. Aber in diesen steilen Rampen finde ich das Velofahren ehrlich nicht mehr „sehr geil“. Im langen und dunklen Tunnel schwanke ich wie ein Betrunkener. In der nächsten Rampe staune ich wie langsam das Ventildeckeli sich dreht?!. Die letzten 2 km sind lang und nochmals sehr steil. Oben warten schon Christian und Andi. Vor allem Chrigel fährt sehr stark. Er ist immer vorne dabei. Auch der zweite Gast in unserer Gruppe ist in einer guten Form. Dani  fährt eigentlich fast nur mit dem MTB, wir staunen darum, wie lange er schon mit uns mithält. Die beiden neuen Velokollegen sind eine angenehme Bereicherung für unsere Gruppe. Willi ist in der Anfahrt zum Passo Gavia so mit seinen schmerzenden Beinen beschäftigt, dass er die Abzweigung verpasst und erst auf dem Passo Tonale merkt, dass er auf dem falschen Berg steht. Willi schafft den Gavia auch noch.
Zurück nach Livigno geht es über den Foscagno und Passo d’ Eira. Nach 181 km und 7:38 h reiner Fahrzeit sind wir im Hotel zurück. Es ist 19.00 Uhr geworden. Ich bin ehrlich gesagt auf der „Schnauze“. Bei Duschen frage ich mich, ob ich mit diesen Beinen Morgen tatsächlich wieder Velofahren kann?

Es ist Montag: Vom stahlblauen Himmel strahlt die Sonne. Jetzt haben wir wirklich eine Ferientour. Auch heute stehen wieder „rechte Dinger“ auf unserer Route, Passo Mortirolo - und der Bernina Pass., sowie der Forcola di Livigno. Fritz Nyffenegger macht mit seiner Gruppe eine etwas andere Runde. So ganz im geheimen muss ich sagen: eigentlich wären diese 100 km für mich auch ganz reizvoll. Aber sie......... anderen Gruppen auch, fahre ich nach Original-Streckenplan. Bei diesem schönen Wetter macht das Velofahren schon Spass. Bald erreichten wir die Abzweigung zum Passo Mortirolo. Die Strasse steigt steil an, doch es kommen immer wieder kleine Verschnaufstücke. Mir kommen mit der Zeit Zweifel. Ist das wirklich der gefürchtete Giro-Aufstieg von Pantani und Co. ? Oder kommt es nach der nächsten Kurve um so dicker? Irgendwann kommt eine Abzweigung. Leicht hinauf oder flach hinunter? Ich fahre abwärts. Nach zwei Kurven geht es nur noch steil hinunter. Plötzlich dämmert es mir. Das wäre der richtige Aufstieg gewesen. Alles ist mit Namen und Werbung vollgepinselt. Wir hatten den richtigen Giro-Aufstieg um etwa 500 m verpasst! Alleine fahre ich über den Berninapass zurück nach Livigno. Meine Kollegen strampeln noch zusätzlich über den Passo Aprica.

Dienstag der 1. August: Schon ist der letzte Tourtag angebrochen. Wieder ist die Sonne unser Begleiter. Bei einigen Kameraden hat die Pässefahrt Spuren hinterlassen. Sie verladen vernünftigerweise ihre Fahrräder in den Anhänger und fahren mit Roger nach St. Maria. Gut gelaunt nehmen wir Velofahrer die letzte hohe Hürde in Angriff. Von Bormio steigt es nochmals 20 km zum Umbrail Pass hinauf. Die Aussicht in dieser Bergwelt ist überwältigend. Es läuft mir erstaunlich gut aufwärts. Ich spüre Stolz und Zufriedenheit die letzten Tage so gut überstanden zu haben. Hier oben ist es wunderschön. Vom Umbrail führt eine anspruchvolle Abfahrt zum Endpunkt unserer Ferientour. Steil und schmal führt die Strasse in ungezählten Kehren zu Tale. Über eine weite Strecke ist die Strasse ungeteert. Es braucht viel Gefühl beim Bremsen und Lenken. Alle kommen heil und ganz in St. Maria an.
Nachdem alle Velos verladen sind, sitzen wir bald bei einem feinen Mittagessen. Sicher fährt uns Roger zurück nach Winterthur. Unfallfrei und nur mit ein paar kleineren Pannen nach so einer Gewaltstour. Was will man mehr? Meine Meinung zur Ferientour 2000: „Organisation, Hotel und Wetter, super!!!"

Danke Flavio. Strecke überwältigend schön, aber „sauschwer“. Ich wäre nicht böse, wenn es wieder etwas leichter ginge. Zum Schluss nur noch dies, mir hat die friedliche und hilfsbereite Atmosphäre unter allen Teilnehmern sehr gefallen und noch zusätzlich zu diesem kleinen Rückblick motiviert. In diesem Sinne allen nochmals ein herzliches Dankeschön für die unvergesslichen Tage.
Walter

Ferientour 2000