Fernfahrt Winterthur – Venedig

21. bis 28. Juli  

Es sah düster aus, als am frühen Morgen des 21. Juli die 32 Teilnehmer ihr Gepäck verluden, vom Präsidenten Werner Lattmann und von Stadträtin Pearl Pedergnana mit guten Wünschen auf die lange Reise geschickt wurden und in vier Gruppen losfuhren.
Doch wir alle erreichen trocken und vom Wind beflügelt das Toggenburg, und mit einer rasanten Abfahrt nach Gams tauchen wir bereits in die wohlige Sonnenwärme des Rheintals. Wieder windbegünstigt geht’s auf dem Dammweg, über Balzers und die Luziensteig, durch die Bündner Herrschaft nach Chur und weiter ins Domleschg, wo uns in Cazis im Hotel Reich ein gutes Quartier und eine gepflegte Küche erwarten.
Nach einer Regennacht beginnt auch der zweite Tag grau. Und wiederum verschont uns der Regen fast ganz und nach der Passhöhe des Juliers, eine Wetterscheide auch hier, empfängt uns das Engadin mit seiner unvergleichlichen Lichtfülle. Der Bernina-Pass ist, zumal bei Gegenwind, nicht nur eine „Welle“ als die ihn Beni taxiert hat, beschert aber im Aufstieg grossartige Ausblicke und in der rasanten – und mitunter auch riskanten – Abfahrt ins Poschiavo berauschende Fahrfreuden.
Die Abfahrt setzt sich am nächsten Morgen fort, von Le Prese hinunter ins Veltlin. Hier sollte es bald ernsthaft werden. Auf  hübschen Strässchen und schönstem Wetter radeln wir zunächst noch gemütlich zwischen den Obstkulturen und mit Blick zu den Weinbergen gegenüber talaufwärts. Doch nach 10 Kilometern, bei Mazzo, heben unvermittelt die groben Steigungen an, die den Passo del Mortirolo als angeblich schwersten Pass der Alpen unter den Rennradfahrern berühmt und berüchtigt haben werden lassen. Auf gut 12 Kilometern wartet der „Mörderliche“ mit 1300 Höhenmeter auf, mit Rampen bis zu 18 Prozent. Ganz ohne Keuchen und einifes Würgen ist der Pass nicht zu machen. Aber alle Fahrer (einige haben die leichtere  Variante des Passo d’Aprica gewählt) erreichen die Passhöhe in guter Verfassung. Klugerweise; denn der Tag hält noch andere Aufgaben bereit. Nach der Fahrt hinunter ins Val Camonica und bis Breno beginnt der mit seiner Länge fordernde Aufstieg zum Passo del Croce Domini: 20 Kilometer mit nochmals 1500 Meter Höhenunterschied sind zu bewältigen. Lang und ein gutes Stück davon arg holprig die Abfahrt, überraschungsreich und vielgestaltig dann die Strecke zum Lago d’Idro und weiter durch eine Klus und über ein Pässchen  nach dem prächtig gelegenen Riva am Gardasee und nach Arco, dem endlichen Ziel dieser Königsetappe. Hier sind wir, auch wenn das Hotel „Everest“ heisst, vollends in Italien angekommen, schon fast auf Meereshöhe, in südlicher Landschaft, mit reich blühenden Oleandern und einem veritablen Olivenhain.
Tags darauf sieht das Vollprogramm wieder zwei Pässe vor. Vom Gardasee geht’s gelinde auf Radwegen ins Etschtal hinüber, von dort hinauf zur Wintersport- und Sommerfrischestation Folgaria und höher zum Passo di Sommo (16 km, HD 1120), der ins Val d’Astico hinüber führt. Hier wiederum türmen sich vor uns im steilen Fels die Strassenkehren übereinander, und in nachmittäglicher Wärme gewinnen wir in angenehmer Steigung, Kurve um Kurve, die Hochebene von Asiago mit den Sette Comuni (oder die „Hoga Ebene bon siben Komoine“, wie es in dem alten Deutsch, dem Zimbrischen, dieser Sprachinsel heisst). Es eröffnet sich hier eine eindrückliche Landschaft ganz eigener Art, die in ihrer Weiträumigkeit etwa an den Jura oder an die Vogesen erinnert. Nicht nur sprachlich ist die Gegend interessant, und auch nicht nur wegen des Asiago-Käses bekannt, sondern sie hat auch als Kriegsschauplatz des Ersten Weltkriegs traurige Berühmtheit erlangt. Uns ist sie überdies, zusammen mit dem Tagesziel Spera, bemerkenswert als Herkunft von Laura und Flavio Gasperi. Nach eben diesem Spera bringt uns nach einer herrlichen Abfahrt nach Enego und ins Val Sugana ein teilweise der alten Talstrasse folgender Radweg. Und für unser leibliches Wohl hat Flavio bei der Wahl des auswärtigen Ristorante gesorgt. Wir schwelgen in den specialità tipiche della regione.
Der fünfte Tag, wir sind’s bereits gewohnt, bringt im Vollprogramm wieder zwei stattliche Pässe. Zuerst den Passo Brocon, der auch einen Wintersportort erschliesst und uns vom Val Sugana nach Feltre im Einzugsgebiet des Pieve und ihm folgend direkt zum Etappenziel Valdobbiadene führt. Es sei denn, man ziehe den Umweg vor und genehmige sich noch den Monte Grappa, der allerdings nicht so leicht zu nehmen ist, wie der fröhliche Name es vermuten lässt. Der Pass ist erstens von Caupo aus sehr lang (28 km), er ist zweitens mit 1775 m ü. M. recht hoch und ist drittens gar kein Pass, sondern ein „Monte“, einer der höchsten Berge der Vicentiner Alpen, ein weit nach Süden vorgeschobener Gipfel und darum ein berühmter Aussichtspunkt zwischen Brenta und Piave und eine im Ersten Weltkrieg mehrfach schwer umkämpfte Stellung. Die Anfahrt von Norden her verläuft vorerst im Wald, hat aber in der zweiten Hälfte immer mehr den Charakter einer Panoramastrasse, die zuletzt durch weitgedehnte Alpweiden führt. Zwischendurch sorgen ruppige Rampen für Abwechslung. Der Blick vom Gipfel geht in das Tal des Piave und weit hinaus in die Poebene – man soll sogar Venedig und das Meer sehen können. Eine kurvenreiche und die Bremshand herausfordernde Fahrt bergab (und zwischendurch auch tüchtig bergauf) bringt uns nach Valdobbiadene, ins Zentrum des Prosecco-Gebiets. Wir lassen uns gern gefallen, was uns am Abend eingeschenkt und aufgetischt wird.
Der Via del Prosecco folgend bewegen wir uns am Morgen des letzten Fahr-Tages nicht venedigwärts, sondern, wohl um uns mehr Bewegung zu verschaffen, dem nicht in der Höhe, aber als Strassenbauwerk beachtlichen Passo Boldo entgegen, dessen regelmässig angelegte Kehren links und rechts alle durch Felstunnels führen. Doch nur den Ersten gelingt es, die Durchfahrt trotz Bauarbeiten und Sperre zu erbitten. So verkürzt sich die letzte Etappe via Conegliano und durch die Poebene und ist auch so, angesichts des Verkehrs und der steigende Hitze gerade lang genug. Jedenfalls freuen sich alle, als sie in Jesolo ankommen, das Meer und am freien Freitag Venedig geniessen können. Und alles ganz ohne Velo. 

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Zusammenfassender Rückblick

Der Tourenleiter Flavio hat sich für das Jubiläumsjahr des RV Winterthur etwas Besonderes, etwas auch nach aussen Markantes ausgedacht: eine Fernfahrt, die in sechs Etappen von Winterthur nach Venedig führt. Diese Form einer Ferientour verlangt dem Organisator mit den Unterkünften und der Evaluation der Route und ihrer Varianten erheblich mehr Vorbereitungsarbeit ab als die Wahl eines festen Standorts, sie ist hinsichtlich Transport und Begleitfahrzeug aufwändiger und fordert auch von den Teilnehmern mehr Flexibilität, mehr Planung, wohl auch mehr Leistung, selbst dann, wenn jeweils leichtere Varianten zur Wahl stehen. Dafür hat eine Etappenfahrt eigene sportliche und emotionale Reize.
Dazu gehört die Vielzahl von Eindrücken. Jeder Tag brachte Begegnungen mit anderen Landschaftstypen und Kulturräumen. Wir begegneten Hochgebirgspanoramen und Lagunen, durchfuhren Rebgelände und Obstkulturen, Weiden und Ackerland, vornehme Städte und abgelegene Dörfer, querten Schluchten und Klusen, fuhren durch Tunnels und  über Brücken und auf menschenleeren Radwegen.
Dafür ist zuerst dem Tourenleiter Flavio und den Gruppenleitern herzlich zu danken, ferner dem Chauffeur Roger Kopf, der uns begleitet und uns sicher und ruhig über den Reschen- und Arlbergpass wieder zurückgebracht hat. Dass wir vor schweren Unfällen verschont blieben, ist auch nicht selbstverständlich. Die fröhliche und kameradschaftliche Stimmung hielt den Belastungen stand. Und sportlich gratulieren dürfen sich alle Teilnehmer: Zurückgelegt wurde in 6 Tagen immerhin ein Strecke von 872 Kilometern mit gesamthaft 14 590 Höhenmetern.

Offen bleibt am Schluss allerdings eine Frage: Was geschah mit der Flasche Prosecco, die uns Werner L. für Venedig als präsidialen Willkommenstrunk mitgegeben hatte?
Ueli

 

 

 

        

 

Ferientour 2007, Fernfahrt nach Venedig 

Diese Fernfahrt nach Venedig wurde durchgeführt im Rahmen des Jubiläums 125 Jahre Radfahrerverein Winterthur.

Am Samstag, den 21. Juli 2007 besammelten sich etwas über 30 Tourenfahrer, alle in den Vereinsfarben eingekleidet, darunter zwei weiblichen Geschlechts, auf dem Museumsplatz in Winterthur. Die Velos glänzten, die Ketten waren geschmiert, alle mit neuen Pneus auf beiden Rädern versehen. Mit den besten Wünschen vom Winterthurer Stadtrat, vertreten durch Frau Pearl P., und unserem Präsidenten, Werni Lattmann wurden wir auf die Reise geschickt. Auch die Presse war da. Werni gab uns eine Flasche „Chlöpfmoscht“ mit auf den Weg, dieser sollte in Venedig geöffnet werden (wo ist er nur geblieben?).

Nun, so ging es dann los in Richtung Toggenburg. Das Anfangstempo war in Anbetracht der bevorstehenden langen Reise und der beträchtlichen Höhenmeter, die zu bewältigen waren, respektvoll, aber doch zügig. Der erste Tag war mit immerhin 160 km ja auch nicht ganz ohne. Die Wetterprognose war durchzogen, es war kein Sonnentag programmiert, doch wir hatten Glück. Durchs Toggenburg hinauf gab’s ein paar Tropfen aus dem Nebel, kaum hatten wir Wildhaus hinter uns, wurde es föhnig warm und die Sonne zeigte sich freundlich, zudem blies uns der warme Wind richtiggehend das Rheintal hinauf. Mit Tempo 35 bis 40 kamen wir unserem ersten Etappenziel Cazis im Domleschg zügig näher.
Am Sonntag fuhren wir über den Julier und die Bernina ins Puschlav. Auch an diesem Tag hatten wir Wetterglück, nach Tiefencastel wurden wir zwar noch kurz begossen, doch ich war mir nicht ganz sicher, ob ich mehr von aussen durch den Regen oder von innen durch die Anstrengung nass wurde. Im Engadin lachte dann wieder die Sonne und unsere Gruppe genoss den Aufstieg zur Berninapasshöhe und die anschliessende Abfahrt nach Le Prese, am Lago di Poschiavo, welches unser letzter Etappenort in der Schweiz sein sollte.
Die nächste Etappe hatte es dann in sich. Nach der Abfahrt nach Tirano standen der Mortirolo und der Passo Croce Domini auf dem Tagesplan. Die Originalstrecke ergab knapp 4000 Höhenmeter und gegen 190 km. Dass dies für mich zuviel sein würde (besonders nach den zwei vorausgehenden Etappen) stand im vornherein fest. Unserer Gruppe, bestehend aus Leo, Peter, Frank Han., Frank H., Otto, Walti, Charly und mir, beschloss (ausser Walti und Charly, welche den Mortirolo unbedingt in ihr Palmaré einheften wollten), die etwas entschärfte Variante über den Aprica statt den Mortirolo (bis 18% Steigung!) in Angriff zu nehmen, dies ergab dann 500 Höhenmeter und auch ca. 10 km weniger. Für mich war auch dies noch zuviel, zumal ich noch unter Rückenschmerzen zu leiden hatte. In Edolo beschlossen Otto und ich, einen anderen Weg zu nehmen. Wir vereinbarten mit unserem Buschauffeur Roger K. welcher den Croce Domini nicht befahren durfte, auf seiner Route via Passo Tonale weiterzufahren, solange wir Lust hatten. Wir erklommen die Passhöhe des Tonale gemeinsam und luden dann unsere Velos in Rogers Anhänger. Die Abfahrt hätten wir eigentlich auch noch gerne gefahren, doch wir wollten nicht nach den ersten Cracks in Arco am Gardasee eintreffen, Roger musste noch ca. 3 Stunden Umweg fahren.
Es wurde spät, bis als Erste dann Roger Betscharts Gruppe im Hotel eintraf, die anderen kamen nur wenig später. Einige waren doch etwas gezeichnet von der happigen Etappe und beschlossen, für den nächsten Tag die verkürzte Variante zu fahren.
Diese Etappe führte uns nach Spera, dem Geburtsort von Laura, der allgegenwärtigen Tourenfahrerobmannsfrau. Laura und Irene mit Danielle empfingen uns dann auch im Hotel in Spera. Zum Nachtessen fuhren wir in das Rifugio Crucolo, wo wir à discretion verwöhnt wurden.
Der nächste Reiseabschnitt führte nach Valdobbiadene, entlang der Via del Prosecco. Auch hier erwartete uns ein super Nachtessen, natürlich mit Prosecco di Valdobbiadene zum Apèro.
Nun kam bereits der letzte Tag unserer Fernfahrt. Zuerst sollte der Passo Boldo mit seinen urtümlichen Tunnelkehren bewältigt werden. Da unsere Gruppe 200 Höhenmeter vor der Passhöhe wegen Bauarbeiten umkehren musste, verkürzte sich die lange Etappe um 30 km, was mindestens für mich nicht tragisch war. Die erste Gruppe fuhr noch vor der Ankunft des Baustellenchefs über den Pass, die Bauarbeiter drückten offenbar noch ein Auge zu und liessen sie zufahren. Am Abend trafen wir uns dann alle wieder an unserem Endziel am Lido di Jesolo im Hotel Imperial Palace. Der Name klingt gut, was man vom Rest nicht unbedingt behaupten konnte.
Mehr als die Hälfte der Teilnehmer legte die rund 12000 Höhenmeter und 850 Gasperi umfassende Strecke zurück, der Rest etwas weniger. (Anmerkung: 1 Gasperi sind rund 1.1 km, genau weiss das jedoch niemand.)
Am Freitag machte der Grossteil der Truppe einen Ausflug nach Venedig per Boot. Eindrücklich war natürlich der Markusplatz, nebst den vielen  kunsthistorischen Bauten und den Gondoliere. Die Temperatur war um 35° C, sodass man gerne die schattigen Gässchen aufsuchte. Venedig ist eine interessante Stadt, doch es gibt bereits viele gute Stadtführer; wer mehr wissen will, kann sich dort näher erkundigen.
Am Samstag fuhren wir mit unserem Tourbus bereits wieder Richtung Winterthur. Eine kleine Überraschung erlebte Roger zuvor beim Verladen der Velos, an seinem Bus hatten sich offenbar Einbrecher zu schaffen gemacht. Das Türschloss war beschädigt und konnte nicht mehr geöffnet werden, auch die Batterie war leer. Gestohlen wurde aber nichts, eventuell sollte der ganze Bus entwendet werden.
In der Gegend des Gardasees staute sich der Verkehr, sodass unsere Rückreise um eine  Stunde verlängert wurde, ansonsten verlief alles reibungslos. Nach dem Arlbergpass, in Stuben, machten wir den letzten Zvierihalt. Max, unser Vereinskassier, kündigte an, einen Teil der Kosten zu übernehmen. Als er kurz austreten musste, hat aber unser Geburtstagskind Otto Lanz in grosszügiger Weise den ganzen Imbiss berappt, so dass die Vereinskasse unbeschadet blieb. Otto, nochmals herzlichen Dank!
Kurze Zeit später trafen wir am Ausgangspunkt unserer Reise an, wo wir von unseren Frauen herzlich in Empfang genommen wurden.
Eine für alle Beteiligten unvergessliche Fernfahrt, welche sicher auch in der Vereinschronik Eingang findet, wurde hiermit (ausser einem Sturz von Hansjörg, der soweit glimpflich ablief) ohne weitere nennenswerte Zwischenfälle beendet.
Danke, Flavio, für die sorgfältige Organisation, Dank auch an unseren Chauffeur Roger, welcher im Notfall ständig in der Nähe gewesen wäre und uns wieder sicher nach Hause brachte.
Zürich, den 3.8.07
Dieter

 

Fernfahrt Winterthur - Venedig 

In sechs Tagen Venedig zu erreichen, war das Ziel der 30 Fahrer und 2 Fahrerinnen. Gezeichnet von den Strapazen, aber für alle in guter Verfassung endete die Fernfahrt am Strand von Jesolo bei Venedig. Die Tour verlief ohne grosse Zwischenfälle, einzig die obligaten Materialwechsel (Platte Reifen, usw.) wurden registriert. Der Tourstart wurde durch die Vertretung des Stadtrates vor dem Stadthaus freigegeben. 

Buntes Startprogramm

Für den Tourstart konnte aus Anlass des 125 Jahr Jubiläums unsere Stadträtin für Schule und Sport, Frau Pearl Pedergnana, gewonnen werden. Sichtlich erfreut ob unserer bevor stehenden Etappenfahrt richtete sie vorerst einige aufmunternde Worte an die Teilnehmer. Sie wünschte eine erlebnisreiche und unfallfreie Fahrt in den Süden. Auch der „Landbote“ war in der frühen Morgenstunde mit Heinz Diener vor Ort, um dieses aussergewöhnliche Ereignis mit einem Bildbericht seinen Lesern weiter zu geben. Bekannte, Freunde und treue RVW-Mitglieder liessen es sich nicht nehmen den Tourbeginn zu verfolgen.   

Toggenburg und weiter ins Bündnerland

Nach der glanzvollen Verabschiedung durch die Magistratin, Bekannte und Freunde, rollt der Tross durch die Eulachstadt ostwärts. Unserem Tourenchef, Flavio, der einmal mehr ein mit grossem Aufwand verbundenes Programm zusammengestellt hat, bleibt es vorbehalten, die Tour zu eröffnen. Eingeteilt in vier Stärkegruppen ist jede Gruppe frei, das Tempo selbst zu bestimmen. Durch den Rückenwind angetrieben geht’s in flottem Tempo Richtung Wil, durchs immer enger werdende Toggenburg, der ersten Steigung Wildhaus entgegen. Vorerst gibt es aber noch die wohlverdiente Stärkung im Rössli Alt St.Johann, wo sich der Chef über unser Ziel interessiert und ob der langen Reise ins Staunen kommt. Zwar sind wir weiterhin umgeben von tief liegenden Wolken, oder ist es nur der Nebel? Nach der kurvenreichen Abfahrt ins Rheintal schwenken wir nach einem kurzen Umweg zum Radweg auf dem Rheindamm ein. Rechts vom Fluss geniessen wir die freie Fahrt bis sich die Luziensteig vor uns erhebt. Ein erster Formtest ist angesagt, zumal nun auch die Sonne für manche Schweisstropfen sorgen. Wir suchen nach einer geeigneten Verpflegungsstätte und finden diese im malerischen Dorf Maienfeld.
Über Chur und dem Vorderrhein entlang erreichen wir unseren ersten Etappenort Cazis. Bei einem währschaften Z’Nacht ziehen wir Bilanz und unserem Tourenchef ist nichts Negatives aufgefallen. 

Julier und Bernina am zweiten Tag

Geweckt werden wir ziemlich frühzeitig von einem argen Gewitter mit starken Regengüssen, was uns etwas unsicher werden lässt. Wird dieser Tag wohl zur Carfahrt? Während dem Morgenessen zieht sich das Tief zurück und kurz nach acht Uhr fahren wir auf trocknender Strasse los Richtung Tiefencastel. Die Dorf- Umfahrung führt uns in die 36 km lange Steigung des Juliers. Unsere Gruppe löst sich auf und man kann die morgendliche Frische einzeln geniessen. Da die Witterung unsicher ist, hat es überraschend wenig Verkehr. Begleitet werden wir an diesem Sonntagvormittag vom Glockengeläute, welches von den hoch über uns liegenden Dörfern klingt und zur Besinnung anregt. Der Znünihalt in Bivio ist uns willkommen, die Gruppe sammelt sich wieder und legt danach die Fahrt zur Passhöhe im Gruppetto zurück. Kräfte werden geschont, wartet doch noch die Bernina auf uns. Diesen Pass erklimmen wir nach einem währschaften Mittagessen im Hotel Sonne von St.Moritz.
Hier im Engadin scheint die Sonne recht stark und der Aufstieg zur Bernina bringt uns doch noch arg ins Schwitzen. Auf 2330 m. ü. M. gibt es das erste Gruppenphoto, auf dem die Anstrengung dann ersichtlich ist. Nach der langen Abfahrt ins Puschlav sammeln wir uns vor Poschiavo und finden das Hotel in La Prese problemlos. Hier haben wir genügend Zeit, vor und nach dem Nachtessen im Dorf zu verweilen. 

Mortirolo und Croce Domini 

Je südlicher wir gelangen, desto stärker steigen die Temperaturen. Dies sollten wir an diesem Tage mehr als uns lieb war spüren. Passo Mortirolo, einer der gefürchteten Pässe des Giro, türmt sich schon nach 20 km vor uns auf. Die Rampen auf der engen Strasse, sollen, wenn die Angaben auf dem Weg stimmen, bis zu 20% steil sein. Ein Jeder kämpft sich allein die 10 km lange Steigung hoch, ob ohne oder mit einer eingelegten Verschnaufpause, nach oben gelangt ein Jeder. Da die Zeit inzwischen stark fortgeschritten ist, steuern wir nach der kitzligen Abfahrt zur Mittagsrast im Tale. Stärken müssen wir uns hier auf die, bevor  stehende Passfahrt zum Croce Domini. Nach 17 km, von 350 m. ü. M.  auf knapp 1800 m. ü. M., soll die Passhöhe erreicht sein. Wir sind froh, hin und wieder von schattigen Stellen umgeben zu sein, was die Fahrt in die luftige Höhe etwas angenehmer macht.
An diesem Tage schreitet die Zeit schneller voran als der Kilometerstand. Es ist nachmittags um Vier und „erst“ knapp 100 km auf dem Tacho. Scheint da etwas nicht zu stimmen? Ein Blick auf den Zeitplan zeigt aber, dass wir uns nicht täuschen. Schon jetzt lässt sich erahnen, dass es einen späten Feierabend geben wird. Noch stehen 75 weitere Kilometer vor uns, dazwischen nochmals eine anstrengende Fahrt durch eine enge Schlucht zum Gardasee. Gegen halb acht Uhr finden auch wir das Hotel, um die Strapazen unter der Dusche und bei einem feinen Nachtessen  vergessen zu können. Der Ausklang dieses Tages erfolgt gemeinsam im Park des Hotels. Hier werden dann die abenteuerlichsten Geschichten erzählt über diesen ereignisreichen Tag. 

Durch das Trentino

Vom Gardasee ins Trentino, 145 km sollen es heute sein. Zwar ist der höchste Berg „nur“ 1400 m. ü. M.  hoch, doch von 200 m. ü. M.  auf 1400 m. ü. M. hinterlassen auch ihre Spuren. Eine hügelige Landschaft, Zeit auch um die zahlreichen Weinberge und die Obstkulturen links und rechts des Weges zu bestaunen. Es ist eine Tour, bei der wir auch über Radwege und enge Strassen abseits der grossen Landstrasse fahren. Andrea, der sich in dieser Region gut auskennt bietet Gewähr, dass wir heute die Strassenkarte gar nicht gebrauchen. Wir gelangen auch in abgelegene Dörfer, wo auch mal ein Halt eingeschaltet wird, um auf der „Piazza“ von Borgo ein feines Glace geniessen zu können.
In Spera werden wir heute logieren. Flavio führt uns zum Nachtessen in einsame Höhen. Hoch oben über dem Dorf, in Crucolo wohin uns die Carfahrt bringt, können wir schlemmen, trinken und geniessen, so viel wir unserem ausgehungertem Magen zumuten können. Immer weitere Spezialitäten der Region werden aufgetragen. Fein gekocht und zubereitet: Wein, Mineral, Kaffee und ein feines Dessert, alles inbegriffen, soviel man mochte. Und viele mochten „Viel“. Zum Abschluss begeben wir uns dann noch in den kühlen Keller zur Degustation von Salami, Wein, Grappa und trockenem Schinken. Wer wollte, kann hier für zu Hause einkaufen. Mit einem herzlichen Dankeschön an Familie Gasperi klingt dieser fröhliche Abend aus.

 Monte Grappa

Direkt vom Hotel gelangen wir in die Steigung des Passo Brocon. Den gestrigen Abend scheinen noch nicht alle verdaut zu haben und so wird ein gemütliches Tempo angeschlagen und die Passhöhe gemeinsam angesteuert. Nach dem regelmässigen Aufstieg, die anschliessende Panoramafahrt auf der Höhe mit dem Ausblick in die nahen Dolomiten, das wird uns in angenehmer Erinnerung bleiben. Bis zur Mittagsrast steuern wir talwärts und finden in einem abgelegenen, stillen Dorf eine Trattoria, die zum Verweilen einlädt und wo sich das stärkende Mittagessen ruhig geniessen lässt. Gut gestärkt führt uns der Weg von 200 m. ü. M.  auf 1700 m. ü. M.  hinauf zum Monte Grappa. Es wird ein anforderungsreicher Aufstieg in der Hitze des frühen Nachmittages. Doch einmal oben, werden wir entschädigt von einer einmaligen Rund und Fernsicht, was uns zu einer längeren Rast verleitet. Zumal es ja nachher nur noch talwärts Richtung Hotel geht. Allerdings, so einfach war die Fahrt nicht. Giftige Gegensteigungen, enge und kurvenreiche Strassen in der steilen Abfahrt kosten volle Konzentration. Unser Hotel in Valdobbiadene liegt an der „Strada del Prosecco“. Zum Nachtessen in einem Grotto, unter freiem Himmel, können wir schliesslich von diesem feinen, prickelnden Getränk à Discretion  geniessen. 

Triumphfahrt zum Ziel am Meer

Auch am letzten Tag ideales Wetter. Sonnenschein pur begleitet uns zum letzten Pass dieser Fernfahrt. Bevor wir in die Po-Ebene einbiegen, passieren wir noch den Passo Boldo. Hier werden zwar gerade Strassenarbeiten durchgeführt, doch die Arbeiter zeigen sich velofreundlich und lassen uns passieren. Doch danach wird die Strasse endgültig gesperrt und die restlichen drei Gruppen kommen leider nicht in den Genuss dieses, in seiner Art einmalig angelegten Passes und müssen umkehren. Viele Strassen führen schliesslich nach Venedig. Den besten Weg zu finden wird nicht einfach. Da Ferienzeit herrscht, ist auch reger Verkehr Richtung Meer. Jesolo kommt immer näher und wir träumen von einem kühlen Bad im Meer. Unser Hotel liegt direkt am Strand, was wir natürlich sehr schätzen. Bis zum Nachtessen bleibt noch genügend Zeit. Wer den Sprung ins Meer wagen will, muss sich zuerst an den vielen Liegestühlen vorbei kämpfen. Aber es lohnt sich und die Erfrischung im Meer tut nach den vielen Strapazen gut. Den Abend verbringen wir in der grossen Masse der Touristen die sich hier durch Jesolos Strassen wälzt.  

Ruhetag und Heimkehr

Einmal länger schlafen, wir geniessen es, bevor uns Stadtbus und Schiff ins malerische Venedig bringen. Hier gibt es allerlei zu sehen und erkunden. Zuerst geniessen wir die Fahrt durch die vielen Kanäle der Lagunenstadt in einem Kleinboot, das sich unter den zahlreichen Brücken hindurch schlängelt. Danach auf dem Markusplatz tummeln sich viele Touristen, aber auch eben so viele Tauben. Gemütlich für uns wird es erst wieder in einer engen Gasse, wo wir ein gediegenes Beizlein finden, und genüsslich essen können. Bevor unser Abstecher hier endet, fahren wir mit dem Lift hoch und geniessen die weite Sicht in die Umgebung und über diese, im Meer liegende, Stadt.
Am Samstag bringt uns Roger Kopf wie gewohnt sicher nach Hause. Zwar bleiben wir hie und da im Rückreiseverkehr stecken, langweilig wird die Fahrt aber nie. Durchs Südtirol, über den Reschenpass und Arlbergpass erreichen wir unseren Ausgangspunkt beim Museumsplatz. Eine einmalige, gut organisierte und erlebnisreiche Woche ist zu Ende. In Erinnerung bleiben wird sie uns aber immer.
Sepp Bo.

 

Fernfahrt 2007