Alpenbrevet 2014

Es war morgens 06.45 Uhr, als in Meiringen der Startschuss für das Alpenbrevet 2014 fiel und sich 2‘500 Rennvelofahrer in Bewegung setzten. Dani und ich hatten uns in der Mitte des Feldes positioniert, weshalb es noch einige Sekunden dauerte, bis auch wir losfahren konnten. Aber schon nach wenigen Metern hatte ich Dani aus den Augen verloren.

Ich war sehr aufgeregt, freute mich aber auf diese grosse Herausforderung. Es lagen 132 km und drei Pässe (Grimsel-, Furka- und Sustenpass) mit gesamthaft rund 3‘800 Höhenmetern vor uns.

Der erste Anstieg hinter Innertkrichen hoch zum Grimselpass begann nach knapp 6 km. Je näher ich der Passhöhe kam, desto tiefer wurden die Temperaturen, der Wind stärker und kälter und auch der Nebel wurde immer dichter. Dies war das erste Mal, dass ich bereits beim Berganstieg zu frieren anfing und an der ersten Verpflegungsstation dankbar eine heisse Bouillon entgegennahm. Danach ging es weiter Richtung Gletsch, wo dann gleich der nächste Anstieg auf den Furkapass begann. Diesen bezwang ich nach rund 4.5 Stunden. Jetzt lag eine wunderschöne Abfahrt vor mir und auch die Sonne zeigte sich zum ersten Mal – wenn auch nur sehr kurz.

In Andermatt angekommen, stärkte ich mich nochmals mit zwei Tassen heisser Bouillon, Brot und Käse. Jetzt lag noch der dritte und letzte Pass, der Susten, vor mir. Das Wetter sah nicht gut aus, als ich Richtung Wassen losfuhr, und kurz darauf fing es auch leicht zu regnen an.

Nach 5.5 Stunden Fahrzeit begann für mich der letzte Anstieg auf den Sustenpass. Wie schon beim ersten Pass wurde es auch hier - je näher ich dem Gipfel kam - frischer und der Nebel immer dichter. Kurz vor der Passhöhe begann es erneut zu regnen. Die letzten 10 km hatte ich richtig zu kämpfen. Sie wollten einfach nicht enden. Dann, nach rund 8 Stunden erreichte ich auf 2'264 m.ü.M. die Passhöhe. Jetzt stand nur noch die Abfahrt vom Susten vor mir. Aber zuerst brauchte ich eine Stärkung. Auch dieses Mal freute ich mich wieder auf eine heisse Bouillon. Ich war nämlich total durchfroren und hatte fast kein Gefühl mehr in den Händen und Füssen. Also blieb ich nicht lange stehen und machte mich, zusammen mit zwei anderen Rennfahrern, auf den Weg ins Tal. Der Nebel war so dicht, dass ich, ausser der leuchtenden Regenjacke des Velofahrers vor mir, nichts mehr sah. Es war ein sehr beängstigendes Gefühl, einen Pass so hinunterzufahren. Auch die Kälte, die zusammen mit dem Regen immer schlimmer wurde, machte mir zu schaffen. Schon nach kurzer Zeit hatte ich in den Füssen und Händen kein Gefühl mehr. Auch zitterte ich vor Kälte am ganzen Körper. So etwas hatte ich noch nie erlebt. Ich hatte meinen Körper nicht mehr unter Kontrolle und versuchte einfach, mich noch irgendwie auf dem Velo zu halten.

Irgendwann fuhr ein Auto auf meine Höhe, es war Dani! Er war bereits vor etwa 3 Stunden im Ziel angekommen. Da er wusste, wie kalt es war, kam er mir mit dem Auto und trockenen Kleidern entgegen. Bei der nächsten Gelegenheit fuhr ich auf die Seite. Dani half mir die trockenen Kleider anzuziehen, denn ich war am Ende meiner Kräfte und meine Hände und Füsse schmerzten vor Kälte, aber ans Aufgeben dachte ich nicht. Nach etwa 15 Minuten bekam ich wieder Gefühl in meinen Händen und Füssen. Also setzte ich mich erneut aufs Velo und fuhr los. Es lagen jetzt noch rund 30 km bis Meiringen vor mir. Dann, nach über 10 Stunden erreichte ich überglücklich und stolz, aber auch völlig erschöpft das Ziel. Ja, ich habe es geschafft – auch dank Dani. Denn er hat immer an mich geglaubt, mich motiviert und mich nie von meinem Ziel abgehalten, das Alpenbrevet zu fahren.

Nicole